Wenn Inkontinenz ein Land wäre: die Zahlen
Mit über 420 Millionen Betroffenen weltweit wäre Inkontinenz das drittgrößte Land der Erde, und trotzdem schweigen die meisten. Was die Zahlen über ein weitgehend tabuisiertes Problem verraten.
Ein Land, das es nicht geben dürfte
Stell dir vor, alle Menschen weltweit, die regelmäßig unfreiwillig Urin verlieren, würden ein eigenes Land gründen. Dieses Land hätte über 420 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, mehr als die USA, mehr als Brasilien. Es wäre nach China und Indien die drittgrößte Nation auf der Erde.
Das klingt nach einer Zahl aus einer Dystopie. Aber es entspricht epidemiologischen Schätzungen. Milsom & Gyhagen (2019, Climacteric) beziffern die weltweite Betroffenenzahl auf rund 423 Millionen Menschen. In Deutschland sind es schätzungsweise rund 10 Millionen Frauen.
Die Dimension des Problems
Häufiger als du denkst, seltener besprochen als nötig
Inkontinenz ist nicht selten. Sie ist eines der verbreitetsten Gesundheitsprobleme überhaupt. Und dennoch spricht kaum jemand darüber:
- Etwa 75 % der Betroffenen suchen sich keine Hilfe, aus Scham, weil sie glauben, es gehöre einfach zum Älterwerden, oder weil sie nicht wissen, dass Behandlung existiert.
- Frauen warten im Schnitt 6 bis 7 Jahre, bevor sie zum ersten Mal professionelle Unterstützung suchen.
- In einer Umfrage gaben 70 % der betroffenen Frauen an, noch nie mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin über das Thema gesprochen zu haben.
Das Schweige-Paradox
Inkontinenz ist eines der verbreitetsten Gesundheitsprobleme weltweit und eines der am wenigsten besprochenen. Das Schweigen kostet Zeit, Lebensqualität und Geld.
Was das Schweigen kostet
Die wirtschaftlichen und persönlichen Kosten sind enorm. In Deutschland werden jährlich schätzungsweise rund 1,5 Milliarden Euro für Inkontinenzprodukte wie Einlagen und Windeln ausgegeben (MarketDataForecast, 2023). Geld, das in vielen Fällen für eine wirksame Behandlung genutzt werden könnte.
Auf persönlicher Ebene berichten Betroffene von:
- Einschränkungen im Sport und im sozialen Leben
- Schlechterem Schlaf (nächtlicher Harndrang)
- Erhöhtem Risiko für Depressionen und Angststörungen
- Schamgefühlen, die Beziehungen und Selbstbild belasten
Inkontinenz ist kein Schicksal
Das Wichtigste zuerst: Inkontinenz ist in den meisten Fällen behandelbar. Studien zeigen, dass gezieltes Beckenboden-Training bei leichter bis mittlerer Belastungsinkontinenz genauso wirksam ist wie Medikamente, und das ohne Nebenwirkungen.
Was Behandlung bewirkt
Quelle: Cochrane Review, Dumoulin et al. 2018
Worüber wir sprechen müssen
Das Ziel dieses Artikels ist nicht, Angst zu machen. Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen: Wenn du unfreiwillig Urin verlierst, beim Husten, Niesen, Lachen oder beim Sport, dann bist du nicht allein. Du bist in einer Gruppe von hunderten Millionen Menschen. Und du musst das nicht akzeptieren.
Der erste Schritt: Sprich darüber. Mit deiner Ärztin, deinem Arzt, mit einer zertifizierten Beckenboden-Fachperson. Je früher du handelst, desto einfacher ist die Behandlung und desto schneller kehrst du zu dem Leben zurück, das du führen möchtest.
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